Menu Expand

Zwei deutsche Lastenausgleiche – Eine kritische Würdigung

Hauser, Richard

Vierteljahrshefte zur Wirtschaftsforschung, Vol. 80 (2011), Iss. 4: pp. 103–122

Additional Information

Article Details

Author Details

Goethe-Universität Frankfurt am Main.

  • Richard Hauser, Univ.-Prof. em., Dr. eoc.publ., Diplomvolkswirt, geb. 1936, Studium an der Universität München, 1969–1971 Post doctoral research fellow an der Yale University, New Haven/ Conn., 1974–1977 o. Prof. an der Technischen Universität Berlin, 1977–2002 Univ.-Professor für Volkswirtschaftslehre, insbes. Sozial- und Verteilungspolitik am Fachbereich Wirtschaftswissenschaften der Goethe-Universität Frankfurt am Main, 1979–1990 Sprecher des Sonderforschungsbereichs 3 der Universitäten Frankfurt und Mannheim, 1986–1988 Vizepräsident der Universität Frankfurt, Fellow des Hanse-Wissenschaftskollegs sowie des Wissenschaftskollegs zu Berlin. Forschungen zu System der sozialen Sicherung, Einkommens- und Vermögensverteilung, Armut, internationale Vergleiche auf diesen Gebieten.
  • Email
  • Search in Google Scholar

Abstract

In diesem Beitrag werden der erste Lastenausgleich, der im Zusammenhang mit der Gründung der Bundesrepublik Deutschland 1948/1949 stattfand, und der – nicht so benannte – zweite Lastenausgleich nach der deutschen Wiedervereinigung 1990 analysiert und verglichen. Beim ersten Lastenausgleich ging es einerseits um einen solidarischen Ausgleich der Kriegsschäden zwischen stärker und weniger stark betroffenen Bevölkerungsgruppen und andererseits um die Integration von etwa 14 Millionen Menschen, die bis 1985 als Vertriebene, Umsiedler und Spätaussiedler in die Bundesrepublik gekommen waren. Mit dem zweiten Lastenausgleich sollten ebenfalls Kriegs- und Sozialisierungsverluste entschädigt und teils befristete, teils dauerhafte Hilfen zur Angleichung der Wirtschaftskraft und der Lebensverhältnisse zwischen den alten und den neuen Bundesländern gewährt werden. Im Verhältnis zum jeweiligen Bruttoinlandsprodukt Westdeutschlands bewegte der erste Lastenausgleich deutlich geringere Mittelvolumina als der zweite. Obwohl beide Lastenausgleiche mit großen Umverteilungsvorgängen verbunden waren, zeigten sich doch deutliche Unterschiede. Der erste Lastenausgleich war sowohl auf der Aufbringungsseite als auch auf der Leistungsseite viel stärker vom Solidaritätsprinzip geprägt als der zweite. Dies gilt insbesondere für die Naturalrestitution von Grundvermögen und Unternehmen. Dementsprechend war die restaurative Tendenz des ersten Lastenausgleichs weit geringer als jene des zweiten.

Summary

This paper analyses and compares the first and the second program of burden sharing (Lastenausgleich): which were enacted after the founding of the Federal Republic of Germany 1948/49, and after the reunification of Germany 1990, respectively. The first program of burden sharing, firstly, aimed at redistribution from population groups which were less affected by war damages to those which were more affected or had completely lost their property and livelihood. Secondly, it should help to integrate about 14 million people who until 1985 had reached the Federal Republic as refugees from the former German Eastern regions and from the German Democratic Republic into the West German society. The second program of burden sharing also served as compensation for war damages and expropriations in the former German Democratic Republic as well as to improve the living standard and the economic strength of the new regions of Germany. Both programs were enormous social achievements. Relative to the respective gross national product of West Germany the second program that is still going on required even more financial means that the first one. Both programs were based on the principle of solidarity, but the second one showed a stronger restorative tendency than the first one. This is mainly due to the restitution of property in real terms without a special contribution to the costs of the program.

JEL Classification: H23, H24, I3, N3, D3