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Grenzen der Freiheit – Bedingungen des Handelns – Perspektive des Schuldprinzips

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Detlefsen, G. (2006). Grenzen der Freiheit – Bedingungen des Handelns – Perspektive des Schuldprinzips. Konsequenzen neurowissenschaftlicher Forschung für das Strafrecht. Duncker & Humblot. https://doi.org/10.3790/978-3-428-52212-5
Detlefsen, Grischa. Grenzen der Freiheit – Bedingungen des Handelns – Perspektive des Schuldprinzips: Konsequenzen neurowissenschaftlicher Forschung für das Strafrecht. Duncker & Humblot, 2006. Book. https://doi.org/10.3790/978-3-428-52212-5
Detlefsen, G (2006): Grenzen der Freiheit – Bedingungen des Handelns – Perspektive des Schuldprinzips: Konsequenzen neurowissenschaftlicher Forschung für das Strafrecht, Duncker & Humblot, [online] https://doi.org/10.3790/978-3-428-52212-5

Format

Grenzen der Freiheit – Bedingungen des Handelns – Perspektive des Schuldprinzips

Konsequenzen neurowissenschaftlicher Forschung für das Strafrecht

Detlefsen, Grischa

Strafrechtliche Abhandlungen. Neue Folge, Vol. 177

(2006)

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Abstract

Muss sich das Strafrecht in Anbetracht der Erkenntnisse der Hirnforschung grundlegend ändern? Muss es auf eines seiner wichtigsten Fundamente, das Schuldprinzip, verzichten, als Schuldstrafrecht sogar abgeschafft werden? Diese Fragen haben in jüngster Zeit nicht nur Debatten zwischen namhaften Wissenschaftlern aus den Bereichen der Hirnforschung, der Rechtswissenschaft und der Philosophie ausgelöst. Sie stoßen auch in der Gesellschaft insgesamt auf ein breites und vitales Interesse. Diesen Fragen geht die Verfasserin in ihrer Dissertation ausführlich nach. Die Freiheitsannahmen des Schuldprinzips werden aus verfassungsrechtlicher und strafprozessualer Perspektive betrachtet. Ungelöste, teils noch kaum wahrgenommene Probleme der sog. "automatisierten Verhaltensweisen" werden strafrechtsdogmatisch analysiert, ihre bisher allenfalls beiläufige rechtliche Behandlung wird wie die der sog. "Willkürbewegungen" anhand neurowissenschaftlicher Forschungsergebnisse kritisch überprüft. Diese Erkenntisse bestätigen die Abhängigkeit alles mentalen Erlebens des Menschen von neuronalen, also biologischen Vorgängen; darauf gründet die Verfasserin ihre Überlegungen. Ausführlich erörtert sie auch die vieldiskutierten "Libet-Experimente".

Die Untersuchung mündet in einem gewissen Dilemma, das freilich als Aufgabe begriffen und formuliert wird: Konsequent zu Ende gedacht, lasse sich das von der Hirnforschung entworfene Menschenbild mit der personalen Schuldzuschreibung des Strafrechts nicht vereinbaren. Man werde die Grundfragen neu behandeln und irgendwann mit den verfassungsrechtlichen Vorgaben in Einklang bringen müssen, mit denen die Verfasserin bestimmende Elemente des heutigen Strafrechts im Widerspruch sieht.

Ausgezeichnet mit dem Joachim-Jungius-Förderpreis der Universität Rostock.

Table of Contents

Section Title Page Action Price
Vorwort 7
Inhaltsverzeichnis 9
Abkürzungsverzeichnis 16
Einleitung 21
Teil 1: Freiheit als Voraussetzung der Schuld – im Besonderen: die Handlungsfreiheit 25
Kapitel 1: Freiheitsbegriff und Schuldvorwurf 25
I. Grundzüge der Freiheitsdiskussion dargestellt am Beispiel Schopenhauers 25
1. Willensbetätigung und Selbstbewusstsein 27
2. Der negative Freiheitsbegriff bei Schopenhauer 28
3. Das Abhängigkeitsverhältnis von Handlungs- und Willensfreiheit 29
4. Folgerungen mit Blick auf deren rechtliche Relevanz 31
II. Die rechtliche Diskussion des Freiheitsbegriffs im Überblick 34
1. Positive Freiheit in der Außenperspektive? 36
2. Probleme eines Begriffs des subjektiven Freiheitserlebens 39
3. Offene Fragen logisch begründeter subjektiver Freiheit 43
4. Normativer Freiheitsbegriff 44
5. Zusammenfassung und Überleitung 45
III. Spannungsfelder zwischen Handlungsfreiheit und Schuldstrafe 45
1. Determination und moralischer Vorwurf 46
2. Das Merkmal der Willensbetätigung in der Deliktsprüfung 48
3. Die „Willensbetätigung“ in ausgewählten Schuldlehren 49
a) „Die Vergeltungsstrafe in deterministischem Gewande“ nach Franz v. Liszt 50
b) Die Charakterschuld nach Engisch 53
c) Wesensgleichheit psychischer Strukturen nach Graf zu Dohna 56
d) Personale Zurechnung nach Jakobs 58
e) Strukturdeterminiertes Handeln und Verantwortlichkeit nach Kargl 62
4. Zusammenfassung 67
5. Exkurs: Neuere Ansätze in der deutschen Philosophie 68
a) Personale Freiheit nach Bieri 69
b) Minimalistische „Selbstbestimmung“ nach Pauen 73
c) Kritik: Begriffliche Vermengung von Verantwortung und Schuld 76
IV. Überleitung 77
Kapitel 2: Freiheit und Rechtsdogmatik 78
I. Beweisbedürftigkeit der Schuld 78
1. Regelungsbereich des Art. 2 Abs. 1 GG 80
a) Allgemeine Handlungsfreiheit im Sinne des Art. 2 Abs. 1 GG und metaphysische Willensfreiheit 80
b) Allgemeine Handlungsfreiheit im Sinne des Art. 2 Abs. 1 GG und individuelles Freiheitserleben 82
c) Konsequenzen für das Strafrecht 85
2. Die Menschenwürde im Sinne des Art. 1 GG und die Schuldstrafe 87
a) Erwägungen des Bundesverfassungsgerichts zur Legitimität von Strafe 89
b) Historische Überlegungen zur Willensbetätigung als Grundlage staatlichen Strafens 92
c) Die Grundlagen und Grundfragen der Schuldstrafe 96
d) Grammatikalische Überlegungen zum Begriff der Selbstbestimmung 99
3. Schuldstrafe zwischen Handlungsfreiheit und Menschenwürde 104
a) Die Begrenzungsfunktion der Schuld für die Strafe unter dem Aspekt einer objektiven Wertordnung 105
b) Der Mensch als Objekt der Verbrechensbekämpfung 110
c) Zusammenfassende Thesen 117
4. Das Willkürverbot des Art. 3 Abs. 1 GG 119
a) Normative Konstruktionen vor den Schranken des Art. 3 Abs. 1 GG 120
b) Die subjektive Evidenz von Freiheit als Grundlage der Schuld? 122
c) Der gesetzliche Beweis im Strafprozess 125
d) Grenzen richterlicher Überzeugungsbildung 126
e) Richterliche Perspektive 131
f) Zusammenfassung 133
II. Allgemeines zur Beweisbarkeit der Schuldfrage 135
1. Objektivierbarkeit subjektiven Erlebens 137
2. Erlebnisirrtümer 138
III. Fazit und Überleitung 140
Teil 2: Automatisiertes Verhalten und Schuld 143
Kapitel 1: Die Handlung 143
I. Die Handlungsqualität in der Systematik der Nichthandlungen 143
1. Vis absoluta und Reflexe 145
2. Verhaltensweisen im Zustand der Bewusstlosigkeit 148
3. Das Willensproblem 152
a) Subjektiv versus objektiv 153
b) Normativ versus empirisch 157
4. Zusammenfassung 158
II. Die automatisierten Verhaltensweisen 159
1. Erscheinungsformen automatisierter Verhaltensweisen – im Besonderen: die Spontanreaktionen 160
2. Wille als zeitlicher Aspekt der Handlung 162
3. Das Problem der Handlungsqualität 163
III. Verursachung im Lichte ausgewählter Handlungslehren 165
1. Der Handlungsbegriff um 1900 165
a) Naturalistische Handlungslehre (v. Liszt und Beling) 166
b) Symptomatische Handlungslehre (Kollmann und Tesar) 168
2. Die Entwicklung im 20. Jahrhundert 168
a) Finale Handlungslehre (Welzel, Stratenwerth und Schewe) 169
b) Soziale Handlungslehre (Engisch und Maihofer) 173
c) Die „menschliche Seinsäußerung“ nach Michaelowa 175
d) Personale Handlungslehre (Roxin und Arthur Kaufmann) 177
e) Der kognitive Handlungsbegriff Kargls 181
f) Der funktionale Handlungsbegriff Jakobs’ 183
3. Zusammenfassung 184
IV. Konsequenzen für den Schuldbegriff 186
Kapitel 2: Vermeidbarkeit 187
I. Vorüberlegungen 187
1. Pflichtwidrigkeit des Vorverhaltens 188
2. Nachträgliche Kontrollübernahme 190
II. Automatisierte Verhaltensweisen und Reaktionszeit 191
1. Die Reaktionszeit in Rechtsprechung und Literatur 191
2. Fallbeispiele im Vergleich 194
a) „Kleintier-Fall“ versus „Jagdhund-Fall“ 194
b) „Fliege-Fall“ versus „Fahrertür-Fall“ 195
3. Erklärungsansätze 196
a) Vorhersehbarkeit und Reaktionszeit 196
b) Aktivität innerhalb der Reaktionszeit 197
c) Reaktionszeit und passives Verhalten 198
4. Exkurs: Zivilrechtliche Behandlung von Reaktionszeiten 200
III. Folgerungen 203
Kapitel 3: Vorsatz und Fahrlässigkeit 208
I. Vorsatz und bewusste Fahrlässigkeit – Problemaufriss 208
1. Die Beweisproblematik 211
2. Automatisierte Verhaltensweisen 213
a) Aktuelles Vorstellungsbild 215
b) Sachgedankliches (Mit-)Bewusstsein 216
c) Das Bewusstseinsfeld nach Schewe 218
d) Das Wollenselement 219
3. Zusammenfassung 221
II. Die unbewusste Fahrlässigkeit 222
1. Erkennbarkeit aufgrund des konkret riskanten Verhaltens 222
a) Die visuelle Wahrnehmung als Erkenntnisquelle 223
b) Erkenntnisse aus den Reaktionszeitfällen 225
c) Verhältnis von Reaktion und Wahrnehmung 226
2. Erkennbarkeit aufgrund äußerer gefahrerhöhender Umstände 228
3. Folgerungen 232
III. Zwischenergebnis und Überleitung 233
Teil 3: Empirische Voraussetzungen der Schuld im Lichte der Neurowissenschaften 240
Kapitel 1: Visuelle Wahrnehmung 240
I. Schnittstelle zwischen Strafrechts- und Neurowissenschaft 240
1. Bewusstseinsbegriff 241
2. Neuronale Informationsverarbeitung 241
a) Molekularbiologische Grundlagen 242
b) Bildgebende Verfahren 243
c) Die Arbeitsweise des Gehirns 244
3. Aufmerksamkeit 246
a) Bewusstseinskorrelierte elektrische Potentiale 247
b) Aufmerksamkeitsprioritäten 248
c) Motion-induced blindness 249
4. Folgerungen für die Innenperspektive 250
II. Die Bewusstwerdungsdauer 250
1. Bewusste Reizverarbeitung 252
2. Unbewusste Reizverarbeitung 253
3. Masking/unbewusste Modifikation 254
a) Der Crawford-Effekt 254
b) Vorbewusste oder nachbewusste Modifikation? (Dennett und Kinsbourne) 255
4. Der Flash-lag-Effekt 257
a) Bewegungsextrapolation 258
b) Latency-difference 258
c) Motion Integration und Postdiction 259
5. Die Antedatierung nach Libet 262
a) Libets vergleichende Untersuchungen 263
b) Kritik 264
III. Konsequenzen der dargestellten Untersuchungen für die Rechtsbegriffe der „Kenntnis“ und der „Erkennbarkeit“ 266
Kapitel 2: Entstehung von Bewegungen 269
I. Ausgangslage 269
1. Handlungsinitiierung aus psychophysiologischer Sicht 1968 (Müller-Limroth) 270
2. Das Bereitschaftspotential (Kornhuber/Deecke) 271
II. Automatisierte Bewegungen 272
1. Wahrnehmung und Reaktion 273
2. Reiz-Reaktions-Muster 275
3. Folgerungen 277
III. Willkürliche Bewegungen 278
1. Das Libet-Experiment 278
2. Diskussion 280
a) Erlebnisinhalt 280
b) Zeitliche Einordnung des subjektiv Erlebten 285
c) Messung des Bereitschaftspotentials 291
3. Ontologisch-dualistische Interpretationen 292
a) Eccles und der selbstbewußte Geist 293
b) Kritik 294
c) Die Vetotheorie 295
d) Experimentelle Überprüfbarkeit 295
e) Empirische Einwände 296
f) Grundsätzliche Kritik 298
4. Identitätstheorie 300
5. Rechtliche Einordnung 302
IV. Folgerungen für willkürliches und unwillkürliches Verhalten 307
Kapitel 3: Neuronale Determination und subjektives Freiheitserleben 309
I. Selbstzuschreibung von Handlungen aus neurowissenschaftlicher Sicht 309
1. Emotion und Motivation 309
2. Entwicklung 316
3. Zielvorstellungen 319
4. Grenzen subjektiven Erlebens 321
II. Exkurs: Epiphänomenalismus 324
Teil 4: Fazit 326
Kapitel 1: Zur Annahme willentlicher Verhaltenssteuerung im Strafrecht 326
I. Die willentliche Verhaltenssteuerung in der Dogmatik 326
1. Sachliches Kriterium zur Differenzierung? 328
a) Handlungsbegriff 330
b) Vermeidbarkeit 332
c) Subjektive Tatseite 333
2. Ergebnis 335
II. Die Willenssteuerung in der „Schuldidee“ 337
Kapitel 2: Zur verfassungsrechtlichen Legitimation der Strafe 341
I. Schuldbegründung und Schuldausgleich 341
1. Die Innenperspektive 342
2. Die Außenperspektive 343
II. Ausblick: Perspektive des Schuldprinzips 345
Literaturverzeichnis 349
Entscheidungsregister 385
Verfassungsgerichtliche Entscheidungen 385
Strafgerichtliche Entscheidungen 386
Zivilgerichtliche Entscheidungen 389
Sachwortregister 390