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Aufklärende Rationalisierung

Ein Versuch, Max Weber neu zu interpretieren

Hellmich, Wolfgang

Erfahrung und Denken, Vol. 107

(2013)

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About The Author

1962 geboren, Studium der Politischen Wissenschaft und des Öffentlichen Rechts an der Universität Hamburg, 1989 Diplom-Politologe. Ausbildung zum Zeitungsredakteur, Redakteurstätigkeit. 1997 Wechsel in die Kommunalverwaltung. 2011 Magister in Philosophie, Universität Tübingen. 2012 Promotion, Universität Tübingen. Arbeitet im Rathaus einer Landeshauptstadt. Rezensententätigkeit für philosophische Fachzeitschriften.

Abstract

Die Studie versucht, anhand ausgewählter Texte und Textpassagen Weber in neuer Weise zum Sprechen zu bringen. Weber wird als ungemein vielseitiger, offener, auch widersprüchlicher, »antisystemischer« und den Phänomenen zugewandter Denker porträtiert, der auf die Umbrüche der Zeit reagiert. Mit einem Begriff aus der Musikwissenschaft lässt sich sein Denken als »polyphon« charakterisieren. Es ist ein Denken, das Vielfalt und Differenz als Bereicherung ansieht, das Spannungen und Widersprüche nicht aufzulösen versucht, sondern zulässt, anerkennt, das eine Haltung der Toleranz begünstigt.

Im Mittelpunkt bei Weber steht das Phänomen der Rationalisierung, deren einseitiges und zweckorientiertes Verständnis er zu erweitern, »aufzuklären« versucht. Weber thematisiert die Janusköpfigkeit der zeitgenössischen Rationalisierung, ihre destruktive Potentialität, hält gleichwohl daran fest, weil Rationalisierung materiellen und kulturellen Reichtum bedeutet. Er lenkt allerdings die Aufmerksamkeit auf den Preis, der für Einseitigkeit gezahlt werden muss.

Interpretiert werden Passagen der Religionssoziologie, die berühmten Vorträge, »Wirtschaft und Gesellschaft«, die Musiksoziologie. Sie wird als eine Verfallstheorie der Rationalisierung gedeutet. Es herrscht ein »Krieg der Töne«. Webers Rationalitäts- und auch seine Wertetheorie können als »Philosophie« betrachtet werden, deren Merkmal der Pluralismus ist. In seinem Briefwerk findet sich eine »Minissima Moralia«, eine »kleinste Moraltheorie«. Es werden die engen Verbindungen zu Denkmotiven des (amerikanischen) Pragmatismus aufgezeigt: Weber, so lautet die These, ist ein »Would-Be-«, ein »Wäre-Beinahe-Pragmatist«.

Ein Thema für sich ist Webers Sprache, die zahlreiche Metaphern enthält. An ihnen lässt sich eine Substruktur seines Denkens ablesen, die Auskunft darüber gibt, wohin nach Weber der Weg in die Zukunft führt.
»Enlightened Rationalisation. An Attempt to reinterpret Max Weber«

This study uses a selection of texts and text passages to give a new voice to Weber. Weber is portrayed as an immensely versatile, open, even contradictory, ›anti-systemic‹ thinker who turns to the phenomena and who reacts to the upheavals of the time. To use a term from musicology, his thinking can be described as ›polyphonic‹. It is a way of thinking that sees diversity and difference as enrichment, that does not try to resolve tensions and contradictions, but allows and acknowledges them, and that encourages an attitude of tolerance.

Weber focuses on the phenomenon of rationalisation, whose one-sided and purpose-oriented understanding he tries to extent, ›enlighten‹. Weber addresses the Janus-headedness of contemporary rationalisation, its destructive potentiality, but nevertheless holds on to it, because rationalisation means material and cultural wealth. However, it draws attention to the price to be paid for one-sidedness.

The paper interprets passages from the sociology of religion, the famous lectures, »Economy and Society«, the sociology of music. It is interpreted as a theory of decay of rationalisation. A ›war of sounds‹ is raging. Weber's theory of rationality as well as his theory of values can be regarded as a ›philosophy‹ whose characteristic is pluralism. His correspondence contains a ›Minissima Moralia‹, a ›tiny moral theory‹. The close connections to the motives of (American) pragmatism are highlighted: Weber, according to the thesis, is a ›would-be‹, an ›almost‹ pragmatist.

Weber’s language, which contains numerous metaphors, is a topic in its own right. They show a substructure of his thought that tells us where Weber sees the way into the future.

Table of Contents

Section Title Page Action Price
Vorwort 5
Inhaltsverzeichnis 7
Einleitung: Max Webers \"polyphones\" Denken 11
Kapitel 1: Aufklärende Rationalisierung I. – Zu einem Motiv des Denkens 25
1. Begriff der Aufklärung 25
2. Licht, Schatten, Blendung 28
3. Wider den Substantialismus 31
4. \"Versachlichung\" der Philosophie 34
5. Antinormativer Normativismus 36
6. Die Eröffnung von Möglichkeitshorizonten 42
7. Lernen für die Zukunft 44
8. Übergang: zum weiteren Vorgehen 47
Kapitel 2: Aufklärende Rationalisierung II. – Zum Erfahrungshintergrund des Denkens 49
1. Polytheismus 50
2. Entzauberung und Sinnkrise 53
3. Die \"Lieblosigkeit\" der modernen Welt 54
4. Eine alternative \"Systematik\ 57
5. Der Intellektuelle als tragische Gestalt 58
6. Die \"metaphysischen Bedürfnisse des Geistes\ 62
7. Defizite der Sinnkrisendiagnose 65
8. Sinnbegriffe 69
9. Die Präsenz Nietzsches 74
10. Das Zeitalter des Zählens und Messens 77
11. \"Desillusionsprosa\": der Einfluss von Lukács 81
12. Kritik der \"vollendeten\" Vernunft: Hegel 87
Kapitel 3: Pluralismus der Rationalität – die erste Konsequenz 94
1. Vernunft und Rationalität 95
2. Theorie der Rationalität 100
3. Die vermeintliche Präferenz für Zweckrationalität 101
4. Ein wertrationaler Begriff von Zweckrationalität 105
5. Die Rationalität emotionalen und traditionalen Handelns 107
6. Die Vielfalt rationalen Handelns 113
Kapitel 4: Pluralismus der Werte – die zweite Konsequenz 115
1. Wertbegriff und philosophischer Kontext 116
2. Auf dem Weg zu einer eigenen Position 118
3. Überlegungen zu einer Theorie der Werte: allgemein 126
4. Überlegungen zu einer Theorie der Werte: konkret 130
5. Das diskursive Arrangement mit Wertekonflikten 133
Kapitel 5: \"Krieg der Töne\" oder Die Geburt der Rationalisierung aus dem Geist der Musik 139
1. Das eigentliche Thema: Rationalisierung 140
2. Rationalisierung: eine Kategorie des Unbehagens 143
3. Rationalisierte Musik als Zeichen des Verfalls 145
4. Die Entdeckung der Rationalität im Irrationalen 147
5. Dialektik der Rationalisierung 149
6. Musik und Heilsgeschehen 151
7. Fortschritt in der Musik und die Regression des Hörens 153
8. Rebellische Töne: der Einfluss der Musikethnologie 155
9. Webers Irrtum: Kreativität statt \"Untergang\ 158
Kapitel 6: Minissima Moralia. Zur Kritik des \"parzellierten Menschentums\" in den Briefen 162
1. Die Briefe 165
2. Ethik vs. Moral – zum Sprachgebrauch 167
3. Moralische Reflexionen – fünf Diskursfelder 169
a) Diskursfeld 1: \"Vollmenschentum\": 171
b) Diskursfeld 2: \"Ehe und Sexualmoral\ 175
c) Diskursfeld 3: \"Erfolgs- und Gesinnungsethik\ 177
d) Diskursfeld 4: \"Ehre und Ritterlichkeit\ 181
e) Diskursfeld 5: \"Politische Ethik\ 183
4. Die potenzierte Parzellierung 186
Kapitel 7: Weber The Would-Be Pragmatist. Untersuchung einer \"Wahlverwandtschaft\ 187
1. Zum Begriff der \"Wahlverwandtschaft\ 189
2. Das Erzählen einer \"lehrreichen Geschichte\ 191
3. Peirce, Dewey, Schiller und James’ \"Anti-Philosophie\ 195
4. Eine neue Fundstelle 201
5. James und Weber: vergleichende Textstellenanalyse 206
6. Das pragmatistische Fundament der Soziologie 211
7. \"Nichtphilosophische Philosophie\" im Objektivitätsaufsatz 213
8. Amerika als ein Fixpunkt des Denkens 216
9. Ein Pragmatist vor dem Pragmatismus 222
Kapitel 8: Blendwerke der feinen Verführung. Max Weber über die Zukunft 224
1. Die Metapher als \"Substruktur des Denkens\ 225
2. Metaphernbeispiele 226
3. Zur Theorie der Metapher 229
4. \"Moderne\" oder \"Zukunft\"? 233
5. Begriff der Zukunft 236
6. Was heißt \"empirisch\"? 236
7. Zukunftserwartungen 240
8. Die ewige Wiederkunft des Gleichen 245
Abkürzungen und Zitierweise 249
Literaturverzeichnis 250
Namensverzeichnis 271
Sachwortverzeichnis 274