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Der primärrechtliche europäische Gleichbehandlungsgrundsatz und seine Auswirkungen auf das deutsche Arbeitsrecht

Thieken, Jan

Schriften zum Europäischen Recht, Vol. 184

(2018)

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About The Author

Jan Thieken studierte von 2005 bis 2009 Rechtswissenschaften an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn mit arbeits- und sozialrechtlichem Schwerpunkt. Von 2009 bis 2016 war er als wissenschaftlicher Mitarbeiter und Doktorand am Lehrstuhl von Prof. Dr. Gregor Thüsing am Institut für Arbeitsrecht und Recht der sozialen Sicherung der Universität Bonn tätig und absolvierte von 2012 bis 2014 sein Referendariat im Bezirk des OLG Köln. Seit 2016 arbeitet er als Richter in der Arbeitsgerichtsbarkeit in Rheinland-Pfalz. Jan Thieken studied law from 2005 to 2009 at the Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn with a specialisation in Labour and Social Security Law. From 2009 to 2016 he worked as a research assistant for Prof. Dr. Gregor Thüsing at the Institut für Arbeitsrecht und Recht der sozialen Sicherung of Bonn University. From 2012 to 2014 he completed his legal clerkship. Since 2016 he works as a judge at the labour law courts of Rhineland-Palatinate.

Abstract

Obwohl der Gleichheitssatz bereits seit Beginn der europäischen Einigung fester Bestandteil der Rechtsprechung des EuGH war, begegnet seine Anwendung immer noch zahlreichen Schwierigkeiten. Insbesondere in der Frage der Vergleichbarkeit von Sachverhalten ist eine allgemeine Definition weder erreichbar noch erforderlich. Vielmehr sind unterschiedliche Ansätze heranzuziehen und es ist ggf. bei einer Willkürprüfung zu verbleiben. In der Frage der Rechtfertigung zeichnet sich eine klare Linie der EuGH-Rechtsprechung ab, die allerdings von der aus dem nationalen Recht gewohnten abweicht, insbesondere im Fehlen einer Angemessenheitsprüfung und in der Betonung einer Kohärenzprüfung, die eine sorgfältige Begründung durch den Gesetzgeber erforderlich macht. De lege ferenda sollten nationale Normen nicht an den europäischen Grundrechten gemessen werden, de lege lata ist eine weite Überprüfung hinzunehmen. Die Auswirkungen auf das deutsche Arbeitsrecht sind vielgestaltig und potenziell erheblich, etwa bei der Behandlung möglicherweise vergleichbarer Berufe. »The Principle of Equal Treatment in European Primary Law and Its Impact on German Labour Law«

Though the Principle of Equal Treatment has been part of the jurisdiction of the ECJ since the beginning of the European unification process, several open questions remain. Which acts are in the scope of the Principle? What situations are comparable? What are the criteria for the justification? What role does coherence play in these contexts? Finally, how is German labour law impacted by this? The author draws conclusions to all those questions through a detailed analysis of the jurisdiction of the ECJ.

Table of Contents

Section Title Page Action Price
Vorwort 5
Inhaltsverzeichnis 7
A. Einleitung und Grundlegung 15
I. Der primärrechtliche Gleichbehandlungsgrundsatz heute und seine Entwicklung dorthin 15
II. Begrifflichkeiten 16
III. Ausprägungen 18
IV. Grundrechtscharakter 19
B. Kurzer geschichtlicher Aufriss 21
I. Zu den Ursprüngen von Gleichheitssätzen im europäischen Recht 21
II. Zur Entwicklung eines allgemeinen Gleichbehandlungsgrundsatzes 22
III. Zur Verbreitung der Anwendung 23
C. Der allgemeine Gleichbehandlungsgrundsatz 25
I. Tatbestandsvoraussetzungen 25
1. Allgemeine Voraussetzungen der Anwendbarkeit von Grundrechten 26
a) Sachlicher Schutzbereich 26
b) Persönlicher Schutzbereich – Grundrechtsträger 26
c) Grundrechtsverpflichtete 28
aa) Geltung für Mitgliedsstaaten 28
(1) Das Problem 28
(2) Abgrenzung zu anderen Fragen des Anwendungsbereichs 29
(3) Normative Regelung 29
(4) Formel des EuGH 30
(5) Theoretische Grundlagen 30
(a) Geklärte dogmatische Fragen 30
(b) Offene Fragen 31
(c) Einfluss des Kompetenzgefüges 32
(6) Bedeutung der Geschichte 34
(7) Verschiedene Ansichten und Argumente 35
(a) Überblick 35
(b) Grundlagen der Rechtsprechung des EuGH 37
(c) Einzelne Fälle, Argumente und Ansichten 38
(aa) Delegation / Agency-Situation / Schutzverkürzung / Nemo plus iuris 38
(bb) Umgehungsverbot 41
(cc) Einheitlichkeit 42
(dd) Vergleich mit Grundfreiheiten 43
(ee) Sinnlosigkeit einiger Charta-Rechte? 44
(ff) Erforderlichkeit für weitergehende Maßnahmen der Mitgliedsstaaten? 44
(gg) Lückenfüllung wegen unzureichenden nationalen Grundrechtsschutzes? 45
(hh) Effektive Wirksamkeit 47
(d) Fazit 47
(8) Auswirkungen der Normierung in Art. 51 GRC 47
(9) Ergebnisse 48
(a) Überblick 48
(b) Beste Lösung: Bindung nur in bestimmten Fällen 49
(aa) Übersicht 49
(bb) Kein eigener Entscheidungsspielraum 51
(cc) Genuin europäische Kompetenz 52
(dd) Grundfreiheiten 52
(ee) Fazit 53
(c) Ansonsten einzig konsequent: Umfassend, so weit die Befugnisse des Europarechts reichen 54
(10) Ausgewählte EuGH-Urteile und deren Bewertung 56
(a) Klensch 56
(b) Wachauf 57
(c) ERT 58
(d) Defrenne III 58
(e) Bostock 59
(f) Annibaldi 60
(g) Caballero 60
(h) Cordero Alonso 61
(i) Kücükdeveci 61
(j) Chartry-Beschluss und dessen Heranziehung durch das BAG 62
(k) Polier und Asparuhov Estov 63
(l) Åkerberg u. a. 63
(m) Julian Hernández u. a. 64
(n) Zusammenfassende Betrachtung 66
(11) Reichweite de lege lata 67
(a) Übersicht 67
(b) Umgang des BAG mit dieser Frage 68
(c) Thematische Einschlägigkeit erforderlich? 70
(d) Ergebnis und Folgen 71
(12) Folgen 73
(a) Belastung Privater 73
(b) Zeitpunkt 73
(13) Abgrenzungsfragen und weitere Probleme 74
(a) Bloße Überprüfung nationaler Entscheidungen durch europäische Stellen 74
(b) Nur mittelbare Bedeutung des Europarechts 75
(14) Zusammenfassende Betrachtung 75
bb) Geltung für Private? 76
(1) Eine Klarstellung 76
(2) Frühe, grundrechtsähnliche Fälle des EuGH 81
(a) Walrave und Bosman 81
(b) Angonese 82
(c) Defrenne II 83
(3) Literaturansichten 84
(a) Übersicht 84
(b) Einzelne Argumente 88
(aa) Übertragung der früheren EuGH-Fälle 88
(bb) Grundfreiheiten 88
(cc) Staatsangehörigkeit, Art. 18 AEUV 89
(dd) Präambel 90
(4) Zwischenergebnis 91
(5) Trotzdem unmittelbare Drittwirkung einzelner Grundrechte? 91
(a) Bei anderen Grundrechten 91
(b) Bei Gleichheitsrechten und Diskriminierungsverboten 92
(c) Insbesondere: Art. 23 GRC 92
(6) Besonderheiten der EuGH-Methode 94
(a) Bedenken wegen des „effet utile“ 94
(b) Nachwirkungen alter Urteile 96
(7) Bewertung neuerer EuGH-Fälle 96
(a) Audiolux 97
(b) Test-Achats, C-236/09 98
(c) SA Trstenjak in Rs. Dominguez 101
(d) Mangold, Kücükdeveci und weitere 103
(8) Ergebnis 103
2. Ausschluss der Berufung auf Primärrecht durch Bestehen von RL? 103
3. Spezifische Voraussetzung beim Gleichheitssatz: Maßnahmen desselben Hoheitsträgers nötig 104
4. Der Kern des Gleichbehandlungsgrundsatzes: Das Verbot und die Rechtfertigung – Grundsätzliche Fragen 110
a) Behandlung durch den EuGH – ein Überblick 111
aa) Prüfungsaufbau 111
bb) Vergleichbarkeit 113
(1) Begrifflichkeit 113
(2) Bestimmung der Vergleichbarkeit 114
(3) Anfangs einige grundlegende Aussagen, aber kein System 115
(4) Später Herausbildung einiger weniger Fallgruppen 117
(5) Weitere Einzelaspekte 117
(a) Frühere Regelungen und Gesetzesbegründungen 117
(b) Ungleichbehandlung in der Zeit 118
(c) Kollision mehrerer Gleichheitsfragen 119
(d) Ein Zwischenfazit 122
(6) Mittlerweile systematischer: Ziel der Regelung als Referenz 122
(7) Aber: Keine konsequente Umsetzung 126
(a) Am Beispiel der Rs. Chatzi 126
(b) Weitere Beispiele 127
(8) Wichtiger Einzelfall: Selbstbindung der Verwaltung, aber: „Keine Gleichheit im Unrecht“ 128
cc) Benachteiligung 136
dd) Rechtfertigung 137
(1) Eine Begriffsklärung vorweg – unterschiedliche „Zwecke“ 137
(2) Grundsätze 138
(3) Prüfungsmaßstab der Angemessenheit kaum feststellbar 139
(a) Beispiel Rs. Arcelor 139
(b) Rs. Schaible 141
(c) Ergebnis – kein Äquivalent zur „neuen Formel“ 141
(4) Einzelne Aspekte 142
(a) Praktische Schwierigkeiten, finanzielle Erwägungen 142
(b) Schrittweises Vorgehen 144
(c) Ökologische Aspekte 145
(d) Besitzstandswahrung 145
(e) Tarifautonomie 147
(aa) Grundsatz 147
(bb) Bedenken gegen eine Heranziehung der Tarifautonomie als Rechtfertigungsgrund in Gleichheitsfragen 149
(f) Weitere Aspekte 150
(g) Ausgleich von Nachteilen durch anderweitige Vorteile? – Gesamtbetrachtung? 151
b) Ausgewählte andere Ansätze 152
aa) Allgemeines zu Tatbestand und Rechtfertigung – Findet überhaupt eine Trennung statt? 153
bb) „Vergleichbarkeit“ als Kernfrage 154
(1) Vorfrage – Begriffskritik „vergleichbar“ 155
(2) Vor- und Nachteile der EuGH-Lösung 156
(3) Alternative Ansätze 157
(a) Europäische Konkretisierungen 157
(b) Pendelblick ins deutsche Schrifttum 158
(aa) Tertium comparationis 158
(bb) Nur Heranziehung verfassungsimmanenter Wertungen 159
(cc) Ziel und Zweck der Regelungen – Ähnlichkeiten zur EuGH-Rechtsprechung 160
(dd) Interne und externe Zwecke 162
(4) Ergebnisse 164
cc) Gleiche oder unterschiedliche Behandlung 166
dd) Benachteiligung 167
ee) Maßstäbe einer Rechtfertigung – im Ergebnis Einzelfallentscheidung 167
II. Primärrechtskonforme Auslegung 169
III. Rechtsfolgen (eines Verstoßes) 170
1. Rechtsfolgen in konkreten Fällen 171
a) Ruckdeschel 172
b) Van Landschoot 172
c) Gleiches Entgelt für Männer und Frauen 173
aa) Defrenne II 174
bb) Razzouk 175
cc) Barber und Avdel Systems 175
dd) Ten Oever 178
ee) Bilka 179
ff) Deutsche Post 179
gg) Vroege 181
hh) Nimz 182
ii) Übertragbarkeit der Rechtsprechung zur Geschlechtsdiskriminierung auf den allgemeinen Gleichheitssatz 182
d) Aus dem Arbeitsrecht: Caballero, Cordero Alonso, Navarro 183
e) Blick in die Rechtsprechung zu den Anti-Diskriminierungs-Richtlinien 184
2. Ergebnisse und Kritik 186
a) Anpassung nach oben 186
b) Grundsätzliche Kritik an einer Anpassung nach oben 188
c) Einzelne Gründe gegen eine Anpassung nach oben 189
aa) Vertrauensschutz wegen erheblicher (finanzieller) Folgen 190
bb) Ausnahmen in Einzelfällen: Festes Gesamtvolumen 191
d) Was ist „nach oben“ und wer trägt die Last einer Anpassung nach oben? – Im Einzelfall problematisch 192
e) Ausnahmen 192
3. Weitere Rechtsfolge: Schadensersatz 192
4. Mit all dem nicht zu verwechseln: Diskriminierungsverbote erst ab einem bestimmten Zeitpunkt 194
IV. Weitergehende Folgen aus der Zusammenschau von Normen?: Anti-Diskriminierung als Programmsatz und Handlungsauftrag 194
D. Besondere Gleichbehandlungsgrundsätze – Diskriminierungsverbote: Erkenntnisse für den allgemeinen Gleichheitssatz 197
I. Einteilung 197
II. Erkenntnisse für den allgemeinen Gleichheitssatz 198
1. Grundsätzliche Möglichkeit einer Rechtfertigung 198
2. Grundsätzlicher Aufbau 199
3. EuGH zum ersten: Konkretisierung durch Richtlinien? 199
a) Bloß deklaratorische Bedeutung? 200
b) Behandlung von primärrechtstangierenden Richtlinien in der sonstigen Rechtsprechung des EuGH 201
c) Erklärungsansätze 203
d) Andere Ansichten 205
e) Bewertung und Ergebnis 206
f) Inhalt einer solchen Konkretisierung 207
g) Ergebnis 208
4. EuGH zum zweiten: Kohärenz als entscheidendes Element 209
a) Der Ansatz: Mangold verstehen 209
b) Nach Mangold: Kohärenz in der Form der Passgenauigkeit von Mitteln und Zielen 213
aa) Beispiel Alter – Erkenntnisse aus den frühen Urteilen 214
(1) Unterschiedliche Prüfungsmaßstäbe in den Rs. Mangold und Palacios? 214
(2) Bestätigung in der Rs. Kücükdeveci 216
(3) Abweichung in der Rs. Age Concern England? 216
(4) Erkenntnisse aus diesen Urteilen 217
bb) Bestätigung und Konkretisierung in späteren Urteilen 218
(1) Präzisierung in der Rs. Hütter 218
(2) Bestätigung in den Rs. Petersen, Wolf und Andersen 219
(3) Konkretisierung in den Rs. Hennigs und C-286/12 221
cc) Offene Fragen 223
dd) Bedeutung der dem EuGH vorgelegten Erläuterungen u. a. am Beispiel der Rs. Kücükdeveci 224
ee) Ergebnis 226
c) Ein weiterer Aspekt der Kohärenz: Widersprüche in gesetzlichen Wertungen 226
aa) Erkenntnisse aus der Rs. Test-Achats 226
(1) Ähnlichkeiten mit anderen Richtlinien 226
(2) Das Kohärenzgebot und seine Auswirkungen 228
(a) Vereinbarkeit der normalen Regel-Ausnahme-Konstellation mit dem Kohärenzgebot 228
(b) Der Fall Test-Achats: Nur eine normale Regel-Ausnahme-Konstellation? 229
(c) Die Besonderheit in der Rs. Test-Achats: Unterschiedliche Wertungen in der gleichen Frage 230
bb) Auswirkungen dieses Verständnisses auf die Neufassung der Richtlinie 232
cc) Auswirkungen auf andere Richtlinien 233
5. Keine Angemessenheitsprüfung durch den EuGH 234
E. Auswirkungen auf das nationale Arbeitsrecht 238
I. Die klassischen Fälle: Bereits erfolgte Nichtigkeit einzelner Normen 238
1. Mangold 238
2. Kücükdeveci 239
II. Mögliche Probleme bestehender Normen mit dem primärrechtlichen Gleichheitssatz – ausgewählte Fragestellungen 239
1. Kleinbetriebe 239
a) Bisherige Behandlung durch BVerfG, EuGH und Literatur 240
b) Vereinbarkeit mit dem Gleichbehandlungsgrundsatz 241
2. Betriebliche Altersvorsorge 241
a) § 2 BetrAVG 242
b) Übertragung der Rs. Test-Achats in die betriebliche Altersversorgung? 242
c) Sonstige Regelungen 244
3. Altersgrenze und erneute Bewerbung – Erkenntnisse aus der Rs. Rosenbladt 244
4. Der neue § 41 S. 3 SGB VI – Altersdiskriminierend? 246
5. Mitbestimmung im internationalen Kontext 246
6. Unterschiedliche Behandlung von Berufsbildern bei tarifvertraglicher Bezahlung 247
7. Kirchliche Besonderheiten 249
8. Weitere Beispiele 249
III. Zusammenfassende Betrachtung 251
F. Thesen 253
Literaturverzeichnis 257
Sachverzeichnis 263