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Kulturen und Innovationen

Festschrift für Wolfgang Rudolph

Editors: Elwert, Georg | Jensen, Jürgen | Kortt, Ivan R.

Sozialwissenschaftliche Schriften, Vol. 30

(1996)

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Abstract

Im Vordergrund der meisten der hier vorliegenden Texte steht eine innovationsbetonte Sicht von Kultur. Sie stellt eine Gegenströmung zur gegenwärtigen kulturalistischen Mode dar, die Kultur als immobile Tradition porträtiert. Ein Problem dieses Theoriefeldes ist freilich die Verführung durch das stilistische Genre der »großen Theorie«. Autoren werden sekundär und tertiär zitiert, von der Empirie werden nur die »großen Linien« wahrgenommen, Falsifikationen jedoch als »Ausnahmen« beiseite geschoben. Hiergegen sperrt sich der von Wolfgang Rudolph vertretene Wissenschaftsstil, dem auch die Festschrift verpflichtet ist. Die Beiträge eint die Perspektive einer empirisch fundierten, den Vergleich der Kulturen stets mitdenkenden Ethnologie bzw. Sozialanthropologie.

Durch detailgenaue empirische Studien einerseits und textnahe Revisionen überkommener Theoriebestände andererseits werden hier Werkstücke zu einer Theorie gesellschaftlicher Entwicklung geliefert. Der Bogen muß weit gespannt sein - von der ethnolinguistischen Theorie Sapirs bis zur aktuellen entwicklungspolitischen Kulturdiskussion, von Trance über Lachkultur bis zu Insekten als Nahrungsmittel. Von der nordamerikanischen Pazifikküste über Sibirien, China, Indien, die Türkei und Südafrika bis ins katholische Europa reichen die empirischen Beispiele. Der Kontrast ist notwendige Bedingung des theoriebildenden Vergleichs.

Der nachhaltige Einfluß der langjährig von Wolfgang Rudolph herausgegebenen Zeitschrift Sociologus beruht darauf, daß hier in der einzigen nicht subventionierten Zeitschrift der deutschsprachigen Ethnologie und Sozialanthropologie dem Widerspruch und der präzisen und zugleich theoriebezogenen Empirie das Wort erteilt wird. So kann es nicht überraschen, daß diese Festschrift auch als ein Wettstreit zwischen den Etablierten und den Nicht-Etablierten des Faches gelesen werden kann: verwandte Themen werden aus kontrastierenden Perspektiven analysiert.

Table of Contents

Section Title Page Action Price
Vorwort der Herausgeber 5
Inhaltsverzeichnis 7
Teil A: Zum Werk des Jubilars und seinem Umfeld 11
Egon Renner: Ethnologie und die Integration der empirischen Humandisziplinen: Das wissenschaftliche Lebenswerk von Wolfgang Rudolph 13
I. Einleitung: Auf der Suche nach dem verlorenen Paradigma I 13
II. Stufe 1: Die holistische Aneignung eines kulturwissenschaftlichen Paradigmas 17
III. Stufe 2: Die kritische analytische Durchdringung des kulturwissenschaftlichen Paradigmas 21
IV. Stufe 3: Paradigmatische „puzzle-solving activities“ und die extraparadigmatische Dimension der Forschung 25
V. Stufe 4: Die naturwissenschaftliche Überwindung des kulturwissenschaftlichen Paradigmas 30
VI. Die vier Stufen im externen Vergleich: Eine Gegenüberstellung der Leistungen von Wolfgang Rudolph und Franz Boas 35
VII. Schlußbetrachtungen: Auf der Suche nach dem verlorenen Paradigma II 40
Literatur 46
Georg Elwert: Kulturbegriffe und Entwicklungspolitik – über „soziokulturelle Bedingungen der Entwicklung“ 51
I. Einleitung 51
II. Definitionen 52
1. Innovation als Thema einer Kulturdefinition 53
2. „Kultur“ als Restkategorie 53
a) Schriftkultur 54
b) Selbstreferenz 55
c) Vorbewußte Orientierungsmuster 56
3. Kultur als dynamische Struktur 57
III. Ein erstes Fazit: Innovation und Flexibilität 58
IV. Kultur als Schlagwort der Entwicklungspraxis 60
V. Defensive Kommunikation und Grenzgänger der Verständigung 61
VI. Entwicklungskonflikte und Rahmenbedingungen – Fallbeispiele – 64
1. Entwaldung 64
2. Genossenschaften 67
VII. Kulturdebatten? 69
VIII. Ein entwicklungspolitischer Ausblick: Potentiale und Rahmenbedingungen 71
1. Potentiale 71
2. Prozesse der Selbstorganisation und Rahmenbedingungen 74
a) Kenntnis der Lebenswelt 74
b) Umlauf von Information 75
c) Markt und Recht 75
d) Demokratie als politische Kultur 78
e) Gestaltung von Zukunft 81
IX. Schluß 82
Literatur 85
Frieder Weiße: „Edward Sapir revisited“. Einige wissenschaftsgeschichtliche Aspekte seines Patternbegriffs 89
I. Zum Patternbegriff in der amerikanischen Cultural Anthropology 90
II. Reflexion und Systematisierung des Patternbegriffs im Kulturmodell von Alfred L. Kroeber 91
III. Sapirs Bezug auf das „pattern of behavior“ 94
IV. Sapirs kognitives Patternmodell: seine linguistische Begründung 97
V. Sapirs kognitives Patternmodell: Rezeption in der Linguistik 101
VI. Rezeption in der Kognitiven Anthropologie 105
Literatur 114
Teil B: Trance und Schamanismus 119
Jürgen Jensen: Persönliche Kontakte zum Übersinnlichen in Tranceerlebnissen im mittelalterlichen und nachtridentinisch-katholischen Christentum. Überlegungen zum Problem der interkulturellen Vergleichsebenen in der Ethnologie 121
Literatur 134
Ivan R. Kortt: Die Kategorien „gut“ und „böse“ im Schamanismus der nord-, mittel- und zentralasiatischen Völker und die Betrachtung des Fremden 137
Literatur 153
Abkürzungen 156
Teil C: Lachen, Scherzen und Verwandtschaft 159
Helene Basu: Muslimische Lachkultur in Gujarat/Indien 161
I. Der edle und der groteske Körper 163
II. Das Fest am Schrein von Bava Gor 166
III. Schlußbemerkungen 170
Literatur 171
Robert Parkin: Scherzbeziehungen und Verwandtschaft. Nachvollziehen einer Abhängigkeit in der Theorie 173
I. 173
II. 175
III. 178
IV. 181
V. 184
Literatur 185
Krisztina Kehl-Bodrogi: Formen ritueller Verwandtschaft in der Türkei 187
I. Beschneidungspatenschaft 187
II. Rituelle Beziehungen bei den Aleviten 189
a) „Geschwister des Weges“ – Die Institution von musahiplik 189
b) Probleme der Erforschung 191
c) Die Holzfäller Anatoliens: die Tahtaci 193
d) Musahiplik bei den Tahtaci: ein Fallbeispiel 194
e) Die rituelle Sanktionierung von musahiplik 197
f) Versuch einer Deutung 201
g) Die Vollendung des Weges 204
h) Ideal und Praxis: musahiplik in der Gegenwart 206
Literatur 207
Lukas Werth: Weiblichkeit und Göttin: die kulturelle Konstruktion des Geschlechts in Indien und bei den Vagri 209
I. Dimensionen des Geschlechts in Indien 209
II. Die Vagri 213
III. Conclusio: Überlegungen zu Status und Ordnung 221
Literatur 223
Teil D: Recht und Wirtschaft 225
Johannes W. Raum: Zur Bedeutung von Max Gluckman für die Rechtsethnologie 227
I. Wer war Max Gluckman? 227
II. Wer waren die Barotse, deren Recht und Gerichtsbarkeit Gluckman untersuchte? 231
III. Die Vorstellung des „reasonable man“ und die Quellen des Rechts bei den Barotse 234
1. Die Vorstellung eines vernunftbegabten und brauchtumstreuen Menschen (concept of the reasonable and customary man) 234
a) Der Rechtsfall gegen den parteiischen Vater 235
b) Der Rechtsfall über die Fischteiche des Gehöftoberhaupts 237
2. Die Quellen des Rechts bei den Barotse (the sources of law) 239
IV. Schluß 241
Literatur 242
Bernhard Streck: Messungen der Zeitrelation von Arbeit und Nichtarbeit. Zum Problem des archaischen Zeitüberflusses 245
I. Die Zeit im Wandel der Zeit 247
II. Der empirische Zugang 249
III. Grenzen der Meßbarkeit 253
Literatur 257
Raimund Th. Kolb: Entomophagie in China. Eine historische Inventur 261
Appendix 282
Die wichtigsten Speiseinsekten im modernen China unter Berücksichtigung der Tabelle von Zou Shuwen (1981:186) 282
1. Locusta migratoria maniliensis (Meyen) 282
2. Bombyx mori 282
3. Hymenoptera I 282
4. Clanis bilineata trsingtauica 282
4. Hymenoptera II 282
5. Fliegenlarven 282
6. Tessaratoma papillosa Drury 283
7. Cybister japonicus 283
8. Gryllotalpidae 283
9. Belostomatidae 283
10. Cyrtotrachelus longimanus 283
11. Scarabaeoidea 283
12. Gryllidae 284
13. Cerambycidae 284
14. “Gläubigervermeidungswurm” 284
15. Platyedra gossyoiella 284
16. Ephemeroptera 284
17. Blattaria 284
Index 284
Literatur 287
Teil E: Politik und Imagination 291
Erich Kasten: Politische Organisation bei nordpazifischen Küstenvölkern. Variationen religiös legitimierter Führerschaft gegen den Hintergrund zunehmender gesellschaftlicher Komplexität 293
I. Einführung 293
II. Das Zeremonialwesen als institutioneller Rahmen des Politischen 294
III. Kulturentwicklungen auf der Grundlage des Lachsfangs I 295
1. Die Indianer der Nordwestküste 295
IV. Kulturentwicklungen auf der Grundlage des Lachsfangs II: Ainu, Nivchen und Itelmenen 303
1. Ainu 303
2. Nivchen 305
3. Itelmenen 308
V. Kulturentwicklungen auf der Grundlage der Meeressäugerjagd 311
VI. Transformationen religiös legitimierter Führerschaft unter Bedingungen zunehmender gesellschaftlicher Komplexität 314
Literatur 317
Georg Pfeffer: Rushdie als Ethnograph 321
I. Zur Ethnographie 322
II. Rushdies Themen 323
III. Chamchas Zitate 327
Literatur 331
Shalini Randeria: Hindu-‘Fundamentalismus’: Zum Verhältnis von Religion, Geschichte und Identität im modernen Indien 333
I. Hindu-Nationalismus 334
II. Hindu: eine ‘etische’ Kategorie 338
III. Koloniale Ursprünge des Kommunalismus 340
IV. Grenzmarkierungen einer Hindu-Identität 342
V. Sind Unberührbare Hindus? 345
VI. Toleranz als das Wesen des Hinduismus 347
VII. Der Moslem als Inbegriff des „Anderen“ 349
VIII. Die heutige Funktion der Hindutva 351
IX. Die Objektivierung der Kultur 354
Literatur 358
Prof. i. R. Dr. Wolfgang Rudolph: Schriftenverzeichnis 363
Autorenverzeichnis 365