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Koalitionsfreiheit und Crowdwork

Zur Kollektivierung der Beschäftigteninteressen soloselbstständiger Crowdworker

Gärtner, Jan Armin

Schriften zum Sozial- und Arbeitsrecht, Vol. 361

(2020)

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About The Author

Jan Armin Gärtner studierte Rechtswissenschaften an der Georg-August-Universität zu Göttingen und der National University of Ireland in Galway. Nach dem Studium promovierte er am Lehrstuhl für Arbeitsrecht und Bürgerliches Recht von Prof. Dr. Rüdiger Krause in Göttingen und war dort als wissenschaftlicher Mitarbeiter tätig. Seit September 2019 ist er Referendar im Bezirk des Oberlandesgerichts Braunschweig. Er absolvierte Stationen u.a. in der Denkfabrik Digitale Arbeitsgesellschaft des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales in Berlin sowie in einer Wirtschaftskanzlei in Hamburg im Bereich Arbeitsrecht. Jan Armin Gärtner studied law at the Georg-August-University Goettingen and at the National University of Ireland in Galway. He completed his doctoral thesis as a research associate at the Institute of Labour Law under Prof. Dr. Rüdiger Krause in Goettingen. In september 2019, he has commenced his legal clerkship in the district of the Higher Regional Court Braunschweig and worked at the Denkfabrik Digitale Arbeitsgesellschaft of the German Federal Ministry of Labour and Social Affairs in Berlin and at a law firm in Hamburg in the department of labour law.

Abstract

Crowdwork im engeren Sinne meint die Erledigung rein digitaler, ortsungebundener Arbeitsaufgaben. Crowdworker erbringen ihre Arbeit in der Regel als Soloselbstständige auf werkvertraglicher Basis und damit außerhalb des klassischen Arbeitsrechts. Vor diesem Hintergrund wurden Möglichkeiten der Interessenkollektivierung als Mechanismus zur Herbeiführung angemessener Arbeitsbedingungen untersucht. Crowdworker partizipieren an der entwicklungsoffen formulierten Koalitionsfreiheit nach Art. 9 Abs. 3 GG, weil sie, Arbeitnehmern vergleichbar, schutzbedürftig und in der Wahrnehmung ihrer Vertragsfreiheit stark eingeschränkt sind. Daraus folgt zwar kein Recht zum Abschluss normativ wirkender Tarifverträge, Crowdworker können die Koalitionsfreiheit gleichwohl durch den Abschluss schuldrechtlicher Kollektivvereinbarungen mit ihren Auftraggebern wahrnehmen. Diese sind durch atypische Arbeitskampfmaßnahmen erstreitbar und stehen im Einklang mit dem Kartellrecht sowie den europäischen Grundfreiheiten. »Freedom of Association and Crowdwork. On the Collectivisation of Interests of Self-Employed Crowdworkers without Employees«

Self-employed without employees, crowdworkers are excluded from the scope of classic labour law. As a means for inducing adequate working conditions for crowdworkers, the freedom of association (Art. 9 Abs. 3 GG) is considered and, though it does not provide them with the right to conclude collective agreements under the TVG, they can conclude collective agreements under the BGB and employ atypical industrial disputes without contradicting competition law or the European fundamental freedoms.

Table of Contents

Section Title Page Action Price
Vorwort 3
Inhaltsverzeichnis 7
Erster Teil: Grundlagen 15
§ 1 Einführung 15
A. Crowdwork als Erscheinungsform der digitalen Arbeitswelt 15
B. Gang und Gegenstand der Untersuchung 19
§ 2 Formen und Verbreitung von Crowdwork 21
A. Plattformökonomie 21
I. Plattformtypen 22
II. Verbreitung 25
III. Spannungsfelder der Plattformökonomie 27
1. Tendenz zur Oligopolbildung 28
2. Einseitige Gestaltung der Vertragsbeziehungen 30
3. Reputationssysteme und Informationsasymmetrien 33
4. Kommodifizierung von Arbeit 37
B. Internes und externes Crowdwork 40
C. Zusammenfassung 41
Zweiter Teil: Crowdwork als rechtliches Phänomen 43
§ 3 Rechtliche Einordnung von Crowdworkern 43
A. Rechtsbeziehungen auf Crowdwork-Plattformen 44
I. Rahmenvertrag 44
II. Erledigung einzelner Arbeitsaufgaben 46
1. Rechtsverbindlichkeit der Ausschreibung von Arbeitsaufgaben 46
2. Begründung eines Schuldverhältnisses durch bindendes Versprechen nach § 657 BGB oder durch Vertrag 50
3. Sonderfall: Wettbewerbsbasiertes Crowdwork 53
4. Vertragsparteien 54
a) Lehrmeinungen 54
b) Rechtsprechung 55
c) Bewertung 58
III. Zusammenfassung 60
B. Rechtliche Qualifikation von Crowdworkern 61
I. Umgehung von Arbeitsverträgen durch Rahmenvertragsgestaltung 61
II. Arbeitnehmereigenschaft 63
1. Typologische Bestimmung des Arbeitnehmerbegriffs 64
2. Anwendung der Grundsätze auf typische Crowdwork-Gestaltungen 65
a) Weisungsgebundenheit 66
aa) Dauer 67
bb) Programmierung 68
cc) Kontrolle 69
b) Eingliederung in fremde Arbeitsorganisation 70
c) Sonstige Kriterien 71
d) Zusammenfassung 71
3. Mikro-Arbeitsverträge? 72
4. Alternativen bei der Ermittlung der Arbeitnehmereigenschaft 73
a) Arbeitnehmerbegriff nach Wank 74
b) Konzept des Arbeitgebers nach Prassl 77
c) Unionsrechtlicher Arbeitnehmerbegriff 80
d) Vertragliche Drei-Personen-Konstellationen 83
III. Arbeitnehmerähnlichkeit 87
1. Begriff der Arbeitnehmerähnlichkeit 88
2. Erweiterung des Begriffs der Arbeitnehmerähnlichkeit 90
3. Anwendbarkeit des Heimarbeitsgesetzes 91
IV. Selbstständigkeit 95
1. Negativabgrenzung – Kriterien selbstständiger Arbeit 95
2. Crowdwork als Spezialfall 96
V. Zwischenfazit 97
§ 4 Rechtsrahmen für soloselbstständige Crowdworker de lege lata 98
A. Individualrechtlicher Schutzschirm 98
I. AGB-Kontrolle – Auswahl der geprüften Klauseln 98
1. Sachlicher und persönlicher Anwendungsbereich der §§ 305ff. BGB 99
2. Auswirkungen der Vertragsparteien auf die Verwendereigenschaft 101
3. Untersuchung einzelner Klauseln 103
a) Leistungsablehnung 103
b) Preisausschreiben 106
c) Abtretung aller Rechte am Leistungsgegenstand 111
d) Nacherfüllungsfristen 112
e) Bindung an Plattformen, Exklusivitätsklauseln 113
aa) Exklusivitätsklauseln 114
bb) Begrenzung der Kontaktaufnahme 118
II. Wettbewerbsrechtliche Schutzmechanismen 119
III. Zusammenfassung 121
B. Kollektivrechtlicher Schutz arbeitnehmerähnlicher Crowdworker 122
I. Arbeitnehmerähnliche in der Betriebsverfassung 122
II. Tarifautonomie und Arbeitnehmerähnliche § 12a TVG 123
III. Sondervorschriften für Heimarbeiter 123
IV. Zusammenfassung 124
§ 5 Internationales Crowdwork 124
A. Anwendungsbereich des Internationalen Privat- und Zivilverfahrensrechts 125
I. Sachlicher Anwendungsbereich 126
II. Persönlicher Anwendungsbereich 126
B. Anwendbares Recht 127
I. Eingriffsnormen Art. 9 Rom I-VO 128
II. Öffentliche Ordnung Art. 21 Rom I-VO 130
C. Gerichtliche Zuständigkeit 131
I. Gerichtsstand nach der Brüssel Ia-VO 131
II. Gerichtsstandsvereinbarung 132
1. Formerfordernisse Art. 25 Abs. 1 lit. a–c, Abs. 2 Brüssel Ia-VO 133
2. Materielle Wirksamkeit Art. 25 Abs. 1 S. 1 Brüssel Ia-VO 133
D. Zusammenfassung 134
§ 6 Ergebnisse des Zweiten Teils 135
Dritter Teil: Interessenkollektivierung soloselbstständiger Crowdworker 136
§ 7 Verfassungsrechtlicher Rahmen 136
A. Soloselbstständige Crowdworker als Träger der Koalitionsfreiheit gem. Art. 9 Abs. 3 GG 138
I. Systematischer Unterschied zur Vereinigungsfreiheit nach Art. 9 Abs. 1 GG 138
II. Wortlaut des Art. 9 Abs. 3 GG 140
1. Jedermann-Grundrecht 140
2. Arbeits- und Wirtschaftsbedingungen 141
III. Historische Auslegung der Koalitionsfreiheit 142
1. Entwicklung bis zur WRV 142
a) Koalitionsverbote und ihre Aufhebung in § 152 GewO 1869 143
b) Ambivalente Rechtsprechung des Reichsgerichts in Zivil- und Strafsachen 143
c) Zwischenfazit 147
2. Koalitionsfreiheit in der WRV 147
3. Die Entstehung des Art. 9 Abs. 3 GG 150
4. Implikationen der Entwicklungsgeschichte der Koalitionsfreiheit 151
IV. Teleologische Auslegung des Art. 9 Abs. 3 GG 153
1. Sinn und Zweck der Koalitionsfreiheit 153
a) Verhältnis von Art. 9 Abs. 3 GG und dem Arbeitnehmerbegriff des einfachen Rechts 153
b) Unterscheidung von Tariffähigkeit und Grundrechtsträgerschaft 155
c) Schutzbereichsausweitung auf Arbeitnehmerähnliche 155
d) Schutzbereichsausdehnung auf sonstige Selbstständige 156
2. Zweckorientierte Schutzbereichsbestimmung: Vergleichbarkeit von Crowdworkern mit klassischen Arbeitnehmern 162
a) Persönliches Tätigwerden 162
b) Individuelle Verhandlungsschwäche 163
c) Verschärfte Konkurrenz am Markt 166
d) Beitrag zum Lebensunterhalt 169
e) Zusammenfassung 170
V. EU-rechtskonforme und völkerrechtsfreundliche Auslegung 170
VI. Auslegungsergebnis 173
B. Verfassungsrechtliche Vorgaben für Soloselbstständigenkoalitionen 173
C. Inhalt und Reichweite der Koalitionsfreiheit für soloselbstständige Crowdworker 176
I. Individueller Gewährleistungsgehalt 177
II. Kollektiver Gewährleistungsgehalt 177
1. Normsetzungsbefugnis – Tarifautonomie 178
a) Abwehrrechtliche Dimension 181
b) Leistungsrechtliche Dimension 182
aa) Differenzierung zwischen Eingriff und Ausgestaltung 184
bb) Gewährleistungsreichweite der Normsetzungsbefugnis 186
cc) Verfassungsrechtlicher Schutz des einfachgesetzlichen Tarifvertragssystems 188
dd) Gewährleistungsgehalt im Crowdwork-Kontext 189
2. Arbeitskampfrecht 191
a) Konzeption des Arbeitskampfs in der Rechtsprechung 192
aa) Entscheidungen des BVerfG 193
bb) Entscheidungen des BAG 195
b) Arbeitskampfbegriff 200
c) Grundrechtsdimensionen 202
aa) Natürliche oder normgeprägte Freiheit 203
bb) Differenzierung zwischen Eingriff und Ausgestaltung 206
cc) Einfluss des internationalen Rechts auf den Arbeitskampfbegriff 210
dd) Gewährleistungsgehalt im Crowdwork-Kontext 213
d) Kontrollmaßstab 214
III. Zwischenergebnis 214
§ 8 Kollektivmaßnahmen abseits klassischer Tarifverträge 215
A. Mögliche Akteure im Kontext von Crowdwork 215
I. Voraussetzung: Mobilisierung in der digitalen Arbeitswelt 215
1. Beispiel: „Dynamo“ 216
2. Solidarität vs. Konkurrenz 218
3. Solidarität, Transparenz und Öffentlichkeit 221
4. Zwischenergebnis 223
II. Gewerkschaften 223
III. Selbstständigenverbände 224
IV. Internetforen, – portale und Tools 226
V. Die Crowd – „Ad-hoc Koalitionen“ 228
B. Handlungsmöglichkeiten 230
I. Mittelbare Interessenvertretung 231
II. Abschluss sonstiger Kollektivverträge 234
1. Durchsetzungsschwäche schuldrechtlicher Vereinbarungen – Historische Gestaltungsmöglichkeiten 234
2. Rechtliche Begründung der Einbindung in Individualverträge 237
a) Tarifgemeinschaft 238
b) Vertrag zugunsten Dritter 239
c) Vertretungsmodell 240
d) Differenzierungsmodell 241
e) Leistungsbestimmung durch Dritte; Bezugnahme 241
f) Offene Verpflichtungsermächtigung 243
g) Bewertung 244
3. Konkrete Gestaltung von Koalitionsverträgen 247
a) Richtlinien- und Musterverträge; Empfehlungen 248
b) Allgemeine Koalitionsverträge 250
c) Anspruchsbegründende Koalitionsverträge 250
d) Verbindliche Regelungen 251
aa) Anknüpfung an bestehende gemeinsame Vergütungsfestsetzungen 252
bb) Anknüpfung an verbindlich vorgegebene Vergütungsordnungen 253
4. Zwischenergebnis 254
III. Interessenbündelung auf Gegenplattformen 254
IV. Arbeitskampfmaßnahmen 255
1. Rechtmäßigkeitsprüfung und Rechtsfolgen 255
2. Konkrete Kampfmaßnahmen 264
a) Unterstützungsstreik durch Stammbelegschaften 264
b) Störung der Vertragsbeziehungen – Digitaler Streik 271
c) Digitaler Flashmob – Cyberattacken 274
d) Boykott – Verruf, Shitstorm 281
3. Zwischenergebnis 291
§ 9 Kartellrechtliche Grenzen kollektiver Maßnahmen 291
A. Verhältnis von nationalem und europäischem Kartellrecht 295
B. Kartellkontrollprivileg für den Arbeitsmarkt 297
I. Nationale Entwicklung und dogmatische Herleitung 298
II. Privilegierung in der Rechtsprechung des EuGH 299
III. Rezeption der jüngeren Rechtsprechung des EuGH 303
1. Art der Vereinbarung 303
a) Begriff der Scheinselbstständigkeit 303
b) Begriff des Unternehmens bzw. der Unternehmensvereinigung 305
c) Beurteilungsperspektive im Mehrebenensystem 306
2. Gegenstand der Vereinbarung 307
3. Rechtspolitische und internationale Forderungen 308
IV. Stellungnahme 311
C. Ausdehnung der Privilegierung auf Kollektivmaßnahmen soloselbstständiger Crowdworker 315
D. Grenzen der Privilegierung 321
E. Zwischenergebnis 321
§ 10 Grenzziehung durch europäische Grundfreiheiten 322
A. Grundsätze 322
B. Relevanz für Crowdwork 326
I. Potentielle Eröffnung des Anwendungsbereichs der Grundfreiheiten 326
II. Beschränkung und Rechtfertigung 327
1. Koalitionsverträge 327
2. Kollektive Kampfmaßnahmen 330
C. Zwischenergebnis 334
Vierter Teil: Schluss 335
§ 11 Zusammenfassung der Ergebnisse 335
A. Rechtliche Einordnung und Rechtsrahmen von Crowdwork 335
B. Trägerschaft und inhaltliche Reichweite der Koalitionsfreiheit 336
C. Kollektivakteure und Kollektivmaßnahmen 336
D. Einfluss des Kartellrechts und der europäischen Grundfreiheiten 337
§ 12 Schlussbetrachtung 337
Literaturverzeichnis 339
Sachwortverzeichnis 380