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Die Theorie vom Geltungsbeendigungsanlass

Ein Beitrag zur Fehlerlehre bei öffentlich-rechtlichen Satzungen

Jürgensen, Hendrik

Schriften zum Öffentlichen Recht, Vol. 1454

(2021)

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About The Author

Hendrik Christian Jürgensen legte nach dem Studium der Rechtswissenschaften an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel 2016 die Erste Juristische Prüfung ab. Anschließend arbeitete er dort als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für öffentliches Recht von Prof. Dr. Florian Becker, LL.M. (Cambridge). Zeitgleich begann er sein Dissertationsvorhaben mit dem er 2020 von der Rechtswissenschaftlichen Fakultät der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel zum Doktor der Rechte promoviert wurde. Seit Februar 2020 ist er Rechtsreferendar beim Schleswig-Holsteinischen Oberlandesgericht. Hendrik Christian Jürgensen studied law at the Christian-Albrechts-Universität in Kiel. After completing his studies in 2016 he worked as a research assistant at the Chair of Public Law of Prof. Dr. Florian Becker, LL.M: (Cambridge). During the same time, he wrote his dissertation and obtained his doctoral degree at the Faculty of Law at the Christian-Albrechts-Universität in Kiel in 2020. He has been a trainee lawyer at the Higher Regional Court of Schleswig-Holstein since February 2020.

Abstract

Die Arbeit prüft die Berechtigung des Nichtigkeitsdogmas für Satzungen, nach dem ihre Rechtswidrigkeit grundsätzlich den ohne weiteres eintretenden Geltungsverlust bedeutet. Das Nichtigkeitsdogma soll Ausfluss eines Grundsatzes sein, nach dem die deutsche Rechtsordnung durch den ipso-iure eintretenden Geltungsverlust selbst für ihre Widerspruchsfreiheit sorgt. Dies mag in der Theorie eine ob ihrer Klarheit attraktive Annahme sein. In der Praxis standen und stehen ihre Konsequenzen sowohl bei Parlamentsgesetzen als auch bei Satzungen in einem Spannungsverhältnis mit verfassungsrechtlichen Bestimmungen. In der Arbeit wird daher ein alternativer Ansatz entlang des bestehenden rechtlichen Rahmens entwickelt und dem herrschenden Verständnis gegenübergestellt. Die hier vorgeschlagene Theorie vermeidet verfassungsrechtliche Spannungen, indem sie einen grundsätzlich ipso-iure eintretenden Geltungsverlust verneint und die Sanktionsfrage auf der Anwendungsebene der Satzung beantwortet. »The Theory of ›Geltungsbeendigungsanlass‹. A Contribution to the Matter of Illegal Non-Legislative Statutes«

The commonly accepted dogma of the invalidity (Nichtigkeitsdogma) states that illegal non-legislative statutes are invalid ipso iure. The author questions its legitimacy and shows that the dogma results in constitutional law conflicts. The theory as developed by the author suggests that illegal non-legislative statutes are not invalid ipso iure. Instead, their applicability is to be decided upon by the executive, legislative and judicial branches.

Table of Contents

Section Title Page Action Price
Vorwort 5
Inhaltsverzeichnis 7
Einleitung 15
A. Das Nichtigkeitsdogma 15
B. Anlass und Ziel der Untersuchung 16
C. Gang der Untersuchung 20
1. Kapitel: Die Theorie von der Ipso-iure-Nichtigkeit verfassungswidriger formeller Gesetze 22
A. Einführung 22
I. Die Theorie von der Ipso-iure-Nichtigkeit 24
II. Friktionen in der Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts 27
III. Kritik im Schrifttum 29
IV. Methodisches Vorgehen 29
B. Rechtfertigung der Theorie von der Ipso-iure-Nichtigkeit 31
I. Gesetz 31
1. Grundgesetz 31
a) Art. 100 Abs. 1 GG 31
aa) Begriff der „Gültigkeit“ 32
bb) Entscheidungserheblichkeit des formellen Gesetzes 33
cc) Fortwährende Bindung des Gerichts trotz Ipso-iure-Nichtigkeit 34
dd) Anwendungspflicht eines nichtigen Gesetzes bei fehlender Überzeugung des Fachgerichts 36
ee) Anwendungspflicht eines nichtigen Gesetzes bei „falscher“ Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts 37
ff) Zusammenfassung 37
b) Art. 93 GG 38
c) Art. 1 Abs. 3, 20 Abs. 3 und 79 GG 38
d) Art. 123 Abs. 1 GG 39
e) Art. 31 GG 40
f) Ergebnis 42
2. Bundesverfassungsgerichtsgesetz 42
a) § 78 BVerfGG 43
aa) Semantische Auslegung 43
bb) Systematische Auslegung 44
cc) Genetische Auslegung 47
b) § 79 BVerfGG 48
c) § 31 Abs. 2 BVerfGG 49
d) § 76 BVerfGG 49
e) § 95 Abs. 3 BVerfGG 50
f) Ergebnis 50
3. Relevanz einfachgesetzlicher Regelungen im Übrigen 50
a) Gesetzliche Anordnung der Theorie von der Ipso-iure-Nichtigkeit 51
b) Anordnung der Ipso-iure-Nichtigkeit 51
c) Ergebnis 53
II. Dogmatik 53
1. Begründung anhand dogmatischer Sätze 53
a) Widerspruchsfreiheit der Rechtsordnung und der Stufenbau nach der rechtlichen Bedingtheit 53
aa) Der Stufenbau der Rechtsordnung 55
(1) Herleitung der Ipso-iure-Nichtigkeit aus dem Stufenbau nach der rechtlichen Bedingtheit 55
(2) Kritik seitens der Vertreter der Vernichtbarkeitslehre 56
bb) Stellungnahme 58
b) Unverbrüchlichkeit der Verfassung 60
c) Zusammenfassung 62
2. Vereinbarkeit mit dogmatischen Sätzen 62
a) Unverbrüchlichkeit der Verfassung 62
b) Rechtsstaatsprinzip: Rechtssicherheit und Vertrauensschutz 64
c) Rechtstaatsprinzip: Grundsatz der Gewaltenteilung 65
aa) Der Grundsatz der Gewaltenteilung 66
bb) Das Bundesverfassungsgericht als verfassungswidriger Ersatzgesetzgeber? 67
cc) Abweichende Entscheidungsformeln als deklaratorische Feststellung der Rechtslage? 70
dd) Fazit 71
d) Gewaltmonopol des Staats 71
III. Präjudizien 73
1. Analyse der bundesverfassungsgerichtlichen Rechtsprechung 73
a) Die Unvereinbarerklärung 74
aa) Verhinderung eines rechtlichen „Vakuums“ 75
bb) Unzweckmäßigkeit der Nichtigerklärung 77
cc) Gestaltungsfreiheit des Gesetzgebers 77
b) Nichtigerklärung mit Begrenzung der Auswirkungen 79
c) Die Appellentscheidung 80
2. Zulässiger Entscheidungsinhalt nach der Theorie von der Ipso-iure-Nichtigkeit 81
3. Bewertung 82
IV. Allgemeine praktische Argumente 82
V. Zusammenfassung 86
C. Die Vernichtbarkeitslehre 86
I. Die Vernichtbarkeitslehre und ihre Kritik an der überkommenen Fehlerlehre 87
II. Geltungstheoretische Ansätze der Vernichtbarkeitslehre 89
1. These von den alternativen Rechtsgeltungsnormen 90
a) Begriff und Konzeption 90
b) Kritik 92
2. These von der widerlegbaren Geltungsvermutung ordnungsgemäß gesetzter Rechtsnormen 92
a) Begriff und Konzeption 92
b) Kritik 94
3. Lösung: Theorie vom Geltungsbeendigungsanlass? 95
III. Verfassungsrechtliche Bewertung 97
1. Gesetz 97
2. Dogmatik 97
a) Unverbrüchlichkeit der Verfassung 97
b) Rechtssicherheit und Vertrauensschutz 100
c) Grundsatz der Gewaltenteilung 100
d) Gefährdung der Verfassungsgerichtsbarkeit 101
3. Präjudiz 102
IV. Zusammenfassung 102
2. Kapitel: Überprüfung des Nichtigkeitsdogmas bei Satzungen 104
A. Einführung 104
I. Begriff und Dominanz des Nichtigkeitsdogmas 104
II. Kritik und alternative Ansätze 106
III. Ziel und Gang der Untersuchung 109
B. Begriff der Satzung im Kontext untergesetzlicher Rechtsnormen 109
C. Gesetz 111
I. Untersuchungsfeld 111
II. Grundgesetz 111
III. Einfaches Gesetzesrecht 112
1. § 47 VwGO 112
a) Grundsätzliches 112
b) Semantische Auslegung 113
c) Genetische Auslegung 114
d) Teleologische Auslegung 115
e) Zusammenfassung 116
2. §§ 214, 215 BauGB 116
a) Grundsätzliches 116
b) § 214 Abs. 1 S. 1 BauGB 116
c) § 214 Abs. 4 BauGB 118
d) Zusammenfassung 119
IV. Zusammenfassung 119
D. Dogmatik 120
I. Garantie effektiven Rechtsschutzes 120
II. Widerspruchsfreiheit der Rechtsordnung 122
III. Der Stufenbau nach der rechtlichen Bedingtheit 123
IV. Die Unverbrüchlichkeit des Rechts 124
V. Grundrechtsbindung und Eingriffs- und Rechtfertigungssystematik 125
VI. Vertrauensschutz und Rechtssicherheit 126
VII. Zusammenfassung 129
E. Präjudiz 130
I. Bundesverfassungsgericht 130
II. Verwaltungsgerichtsbarkeit 131
III. Bundessozialgericht 133
IV. Zusammenfassung 134
F. Ergebnis 134
3. Kapitel: Determinanten eines alternativen Fehlerfolgenmodells 136
A. Sanktionsbedürftigkeit rechtswidriger Satzungen? 136
I. Für eine Sanktionierung sprechende Gründe 136
1. Rechtsstaatsprinzip 136
2. Grundrechte 137
3. Demokratieprinzip 139
II. Gegen eine Sanktionierung sprechende Gründe 140
1. Rechtsstaatsprinzip 140
2. Grundrechte 140
3. Demokratieprinzip 142
4. Gebot der Effektivität staatlichen Handelns und der Grundsatz der Verwaltungseffizienz 143
5. Der Grundsatz der Normerhaltung 146
III. Zusammenfassung 148
B. Anforderungen an ein alternatives Fehlerfolgenmodell 148
4. Kapitel: Die Theorie vom Geltungsbeendigungsanlass 150
A. Einführung 150
B. Geltung und Geltungsverlust 151
I. Einführung 151
II. Geltung 151
III. Geltung von Satzungen 152
1. Geltung und Wirkungsnormen 153
a) Vorrang positivrechtlicher Ausgestaltung 153
b) Keine oder nur vereinzelte positivrechtliche Bestimmungen 154
2. Geltung und Zulässigkeitsnormen 154
IV. Geltungsverlust durch autoritative Geltungsbeendigung 155
1. Aufhebung durch den Satzungsgeber (horizontale Derogation) 156
2. Aufhebung durch Rechtsverordnung oder formelles Gesetz (vertikale Derogation) 157
3. Aufhebung durch ein Gericht (diagonale Derogation) 158
4. Sanktionsermessen und zeitliche Dimension der Aufhebung 160
5. Gesamt- oder Teilaufhebung 161
a) Die Teilunwirksamerklärung in Rechtsprechung und Schrifttum 161
b) Folgerungen für die autoritative Geltungsbeendigung 162
6. Auswirkung auf die vorhergehende Satzung bzw. das „Altrecht“ 163
C. Anwendung und Suspendierung 163
I. Geltung und Anwendung einer Rechtsnorm 164
1. Anwendungsvorrang des Unionsrechts 164
2. Anwendungsvorrang der spezielleren Rechtsnorm 165
3. Die Abweichungsgesetzgebung der Länder, Art. 72 Abs. 3 GG 165
4. Bewertung und Zusammenfassung 166
II. Rechtswidrige Satzungen auf der Anwendungsebene 166
1. Normenkollision bei gleicher Regelungsdichte („Normanwendungskollision“) 167
2. Normenkollision bei ungleicher Regelungsdichte („Normsetzungskollision“) 167
III. Inzidentverwerfungskompetenz 168
D. Rechtswidrige Satzungen und die normvollziehende Verwaltung 169
I. Prinzipale Verwerfung 169
II. Inzidente Verwerfung 169
1. Prüfungskompetenz 170
2. Inzidentverwerfungskompetenz 171
a) Meinungsstand 171
b) Für eine Inzidentverwerfungskompetenz sprechende Argumente 172
aa) Haftungsrisiko der Verwaltung 172
bb) § 76 Abs. 1 Nr. 2 BVerfGG 173
cc) § 36 Abs. 1 BeamtStG, § 63 Abs. 1 BBG 173
c) Gegen eine Inzidentverwerfungskompetenz sprechende Argumente 173
aa) Kompetenzverteilung innerhalb der staatlichen Gewalt 173
bb) Rechtssicherheit und das Transparenzgebot staatlichen Handelns 175
cc) Gesetzmäßigkeit der Verwaltung 176
dd) Befugnis zur prinzipalen Normenkontrolle 177
d) Stellungnahme 177
e) Unionsrechtswidrige Satzungen 181
f) Zusammenfassung 185
III. Entscheidungsmöglichkeiten 185
1. Inzidentverwerfung 186
2. Aussetzung 186
3. Anwendung eigenen Satzungsrechts? 188
4. Ergebnis 188
E. Rechtswidrige Satzungen und die Verwaltungsgerichtsbarkeit 189
I. Prinzipale Verwerfung 189
1. Keine gesetzliche Fehlerfolgenregelung für die Satzung 190
a) Grundsätzliche Zulässigkeit weiterer Entscheidungsinhalte neben der Unwirksamerklärung 190
b) Überblick über mögliche Entscheidungsinhalte 191
c) Berücksichtigung eines Wiederaufgreifens des Verfahrens 192
d) Berücksichtigung potentieller Heilungsmöglichkeiten 193
2. Einfachgesetzliche Anordnung der Ipso-iure-Nichtigkeit 194
II. Inzidente Verwerfung 195
1. Verwerfungskompetenz 195
a) Rechts- und Gesetzesbindung der rechtsprechenden Gewalt 195
b) Kompetenzverteilung zwischen den Gewalten 196
c) Rechtssicherheit und das Transparenzgebot staatlichen Handelns 197
d) Garantie effektiven Rechtsschutzes 197
e) Ergebnis 198
2. Entscheidungsmöglichkeiten 198
a) Keine gesetzliche Fehlerfolgenregelung 198
b) Gesetzliche Anordnung der Ipso-iure-Nichtigkeit 200
F. Rechtswidrige Satzungen und der Satzungsgeber 201
I. Prinzipale Verwerfung 201
II. Inzidente Verwerfung 203
G. Bewertung nach dem Anforderungsprofil 205
5. Kapitel: Fazit und Zusammenfassung 207
Literaturverzeichnis 209
Sachwortverzeichnis 222